John McLaughlin

München, 1988

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Wie bist Du auf die Idee gekommen, in die Klassik zu wechseln und eine Komposition für Gitarre und großes Orchester zu schreiben?

Nach einem Konzert im Hollywood Bowl sprach mich der Direktor des Los Angeles Philharmonic Orchestra, Ernest Fleischmann, an und fragte, ob ich Lust hätte, mit dem Orchester zu spielen, z. B. das Concerto de Aranjuez von Rodrigo. Damals war ich daran nicht besonders interessiert. Ein Jahr später fragte Fleischmann wieder und als ich merkte, daß er es absolut ernst meint, nahm ich einen Auftrag des Los Angeles Philharmonic Orchestra an. Drei Jahre arbeitete ich an diesem Stück und Ende 1987 führte ich die Komposition The Mediterranean gemeinsam mit dem Philharmonic Orchestra erstmals auf.

Aber Du bist doch als Jazzmusiker bekannt und jetzt spielst Du Klassik. Warum dieser Wechsel?

Nein, ich spiele keine klassische Musik. Das muß klar sein. Ich bin Jazzmusiker, wie Du schon richtig sagst. Ich halte es nur für sehr wichtig, daß ich mit verschiedenen Musikern Zusammenspieles kann, ob es nun Philharmoniker oder Musiker aus Indien sind, wie es bei meiner Gruppe Shakti der Fall war. Wichtig allein ist doch, daß ich die musikalischen Gesetze und Regeln der einzelnen Musikrichtungen kennenlerne. Die Arbeit mit Musikern verschiedener Richtungen, auch z.B. Philharmonikern, bereichert mein Leben.

Du siehst Dich also nicht so sehr als Musiker einer Richtung, sondern nur als Musiker?

Ja, aber meine Disziplin ist der Jazz. Ich liebe improvisiertes Spielen. Auch wenn ich The Mediterranean mit einem Symphonie-Orchester spiele, so habe ich doch einen großen Freiraum, der mir die Möglichkeit zur Verzerrung läßt. Ich kann da spontane Dinge einbauen, die eigentlich nicht in den klassischen Bereich hineingehören. Ich spiele also keine Klassik, sondern ich spiele meine Musik mit klassischen Musikern, oder mit indischen Musikern oder mit Jazzern oder wem immer du willst.

Im Mediterreanean-Concerto finden sich viele Elemente wieder, die man aus Deinen früheren Aufnahmen kennt. Hast Du das Concerto ganz neu geschrieben oder hast Du ältere Motive übernommen?

Wenn du komponierst, schreibst Du Musik Deines Lebens und Deiner Erfahrungen. Und so gibt es sicherlich auch Anspielungen auf das, was ich früher einmal gespielt habe. Aber ich persönlich mag das. Selbstverständlich findest Du im Concerto thematische oder strukturelle Motive z.B. aus der Zeit des Mahavishnu Orchestra wieder. Ich kann das aber nicht ändern und ich will es auch gar nicht. Letzten Endes schreibe ich Musik, die ich liebe und von der ich hoffe, daß die Leute sie mögen. Das ist der einzige Grund, warum ich überhaupt Musik schreibe.

Du sollst einmal gesagt haben, daß Dich das Mittelmeer zum Mediterranean inspiriert habe. Kannst Du einmal Deinen Arbeitsplatz beschreiben?

Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann sehe ich auf der rechten Seite ein kleines Felsenkap, das Cap Martin, ein paar Kilometer von unserem Haus entfernt. Dann sehe ich natürlich die See und auf der linken Seite kann ich die Ausläufer der Alpen sehen, wie sie im Meer verschwinden. Weißt Du, eigentlich habe ich schon seit langem eine Art Liebesaffäre mit dem Mittelmeer. Schon als kleiner Junge kaufte ich mir Bücher und Hefte über dieses Meer und träumte von seiner Schönheit und Reinheit und den Fischen und so weiter. Das Mittelmeer war ein großer Traum von mir. Als ich dann Jahre später dies Meer zum ersten Mal sah, war das eine tiefe Erfahrung für mich. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Ein anderer Teil sind die Probleme, mit denen Du konfrontiert wirst, schreibst Du an einer Komposition. Du kannst z.B. nicht immer inspiriert sein, - mal hast Du Kopfschmerzen, mal bist Du müde, dann aber hast Du einen Termin, der Dir im Nacken sitzt -, und immer, wenn ich solche Probleme habe, gehe ich einfach ein bißchen am Meer spazieren und vergesse die Probleme. Und wenn ich dann wieder an sie denke, ist die Lösung schon da. Darin besteht meine zweite Inspiration durch das Mittelmeer.

Wie ist das nun mit direktem Einfluß auf Deine Arbeit. Du lebst seit vielen Jahren mit der klassischen Pianistin Katia Labeque zusammen. Hat sie auch Einfluß auf Deine Kompositionen?


Ich glaube, jeder, der irgendeinen Einfluß auf Dein Leben hat, beeinflußt auch Deine Arbeit. Katia beeinflußt mich in verschiedenen Bereichen. Aber das ist ein Einfluß, über den ich sehr glücklich bin. Wenn ich eine Idee ausarbeite, dann frage ich sie natürlich nach ihrer Meinung. Manchmal weißt Du eben nicht genau, ob Deine Arbeit gut ist, weil Du so tief in ihr drinsteckst, und manchmal weißt Du es sehr genau. Dann kann ich keine einzige Note ändern. Aber so kann ich nicht immer sein, und dann frage ich sie: Was denkst du aus der Sicht der Musikerin? Ihre Meinung ist sehr wertvoll für mich.


Kann man sagen, sie reguliert Deine Arbeit, bringt sie in die Waage?

Weder-noch. Sie sagt mir nur ihre Meinung. Ob ich dann etwas ändere, hängt ganz allein von meinem Gefühl ab. Manchmal ändere ich ein kleines bißchen, und in anderen Momenten werfe ich alles in den Papierkorb. Mal höre ich mir ihre Meinung an, halte aber trotzdem an meiner Idee fest, weil ich es so haben will. Worüber ich mich freue, ist, daß ich mich auf sie beziehen kann, wie auf einen Spiegel... mit anderen Ohren. Sie hört anders als ich, und das ist wundervoll.

John, Du bist ein Meister der lmprovisation...

Ich hoffe, daß ich das eines Tages sein werde...

Zumindest sehen Dich viele als Meister der Gitarre, als schnellsten Gitarristen der Welt. Bist Du eigentlich ein schnellebiger Mensch?

Wie kann ich im Leben anders sein als in der Musik? Wie kann ich in der Musik anders sein als im Leben? Das kann ich nicht. Ich bin, wie ich bin, und nur so kann ich sein.

Du bist also ein ,schneller' Mensch?

Deine Frage ist lustig. Nur Gitarrespieler bekommen das Prädikat SCHNELL.

Oder Schlagzeuger?

Nein, seltener. Aber niemand spricht von Saxophonspielern oder Pianisten. Ich verstehe das nicht. Was bedeutet das eigentlich: schnell? Ich weiß keine Antwort darauf. Das ist, als ob man eine Person aus einem sehr beschränkten Sichtwinkel heraus betrachtet und das Meiste von ihr wegschneidet. Du siehst nur auf die Hände. So geht das nicht. Entweder es gefällt Dir, was ich mache, oder es gefällt Dir nicht. So einfach ist das.

Ich stelle es mir sehr schwierig vor, mit einem großen Orchester zu spielen. Wie kommunizierst Du eigentlich mit den Musikern während einer Aufführung?

Der einzige Weg, mit den anderen Musikern zu kommunizieren, ist über meine Gitarre. Sie ist eigentlich sehr leise und wir deswegen durch Monitore verstärkt. Könnten mich die anderen Musiker nicht hören, würden sie nur einen Teil spielen und könnten nicht das Ganze sehen. Und natürlich über den Dirigenten, der das Notenwerk interpretiert. Wir beide spielen zusammen. Auch nach einem improvisierten Teil ist das einzige, was ich tun muß, das Motiv zu spielen, damit der Dirigent weiß, daß das Orchester einsetzen muß. Das ist schon alles.

Dir wird oft vorgeworfen, Deine Musik sei »intellektuell«. Ehrlich, wie siehst Du das selber? Kommt Deine Musik nun aus dem Herzen oder aus dem Kopf?

Ich betrachte Musik nicht in solchen Schubläden. Wenn ich komponiere, bin ich in erster Linie ein menschliches Wesen, wie wir alle. Wir sehen uns selbst ja auch nicht als Intellekt, als Nase oder Bauch, oder als Füße an, schließlich leben wir doch. Meine Arbeit entsteht in meiner Phantasie. Und Phantasie gehört zu allem, zum Bauch, zu den Füßen, und zum Kopf. Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken, ob ich nun intellektuelle oder sentimentale Musik schreibe. Ich denke überhaupt nicht. Wenn ich denke, dann tue ich sonst nichts. Das ist, wie... wenn wir auf der Bühne stehen... wenn wir denken, dann spielen wir nicht. Wir können nicht zwei Dinge gleichzeitig machen. Entweder denken wir oder wir spielen. Du kannst nicht denken, das oder das spiele ich jetzt. Du bist und agierst spontan. Ich denke nicht darüber nach, was ich tun will. Ich muß nur das sein und handeln.

Betrachtet man Deine bisherige Karriere, so hast Du immer wieder musikalisches Neuland betreten. 'Mahavishnu Orchestra', 'Shakti', Acoustic Guitar Trio' mit Paco De Lucia und AI Di Meola. Ist Deine Arbeit mit Symphonikern jetzt auch so eine ,Reise ins Unbekannte?

Absolut, absolut. Aber dabei bleibt es doch immer Musik, und so gehe ich nie verloren. Solange es Musik ist, bin ich Zuhause, in meiner Heimat. Ich lebe im Herzen der Musik. Da macht es also nichts, wenn ich mit jemandem von der Venus oder einer anderen Galaxie zusammen spiele. Wenn die dort Musik spielen, bin ich zuhause. Also ist auch jedes Experiment, das ich wage, ein Experiment zuhause. Nur die Form wird sich ändern. Die Experimente werden weitergehen. Ich bin eine Art Maler oder Bildhauer. Und immer, wenn ein Bildhauer ein Stück fertiggestellt hat, kann er mit seiner bisherigen Arbeitsweise total brechen, auch wenn er über 10 oder 15 Jahre so gearbeitet hat. Und die Leute werden fragen: Was ist passiert? Ich glaube, viele Künstler lieben Überraschungen, sie lieben es, andere zu überraschen. Und die Leute, die in ihren Ansichten so ein bißchen kurzsichtig sind, die sind mit diesen Überraschungen nicht glücklich. Sie ziehen vertrautes Territorium vor, diesen gewohnten Untergrund. Und genau das meine ich. Musik ist für mich immer vertraut, ich bin immer zuhause.

John, weil Du gerade von Überraschungen sprichst. Willst Du uns Deine neuen `Surprises` schon verraten?

Weißt Du, ich habe im Moment so entsetzlich viel zu tun. Das ist zwar noch nicht das richtige Wort, aber es geht schon. Es ist entsetzlich und aufregend zugleich. In den vergangenen Jahren wird mir immer klarer, was eigentlich alles möglich ist, wozu ich imstande bin, was ich mit meiner Gitarre alles machen kann. Musik ist eine so erstaunliche, verblüffende Sache, ein so wunderbares, geheimnisvolles Phänomen, daß die Möglichkeiten kollossal sind, tatsächlich sind sie unendlich. Und ich in meiner eigenen, kleinen Art beginne langsam, einige der Möglichkeiten zu erkennen. Es ist natürlich nicht so, daß ich jeden Morgen sagen könnte: Voila, eine neue musikalische Dimension. Nein so geht das nicht. Darauf kann ich nur hoffen und daran arbeiten. Ich glaube, wenn ich so arbeite, geschehen viele Dinge aus sich selbst heraus. Es ist nicht so, daß ich sage: Dimension, komm hierher und schon ist sie da. Ich kann nur arbeiten, und ich denke, daß ist auch eine unbewußte Arbeit.

Es ist doch aber nicht so, daß Du einfach darauf wartest, daß Dir die neuen Musikstücke einfach so in den Schoß fallen?

Nein, es ist etwas mehr als das. Ich glaube, das hat etwas mit Ver-Lernen zu tun. Alles was ich gelernt habe, wieder zu ver-lernen. Das klingt paradox, ich weiß, aber ich möchte diesen Prozeß des Ver-Lernens mehr und mehr in meine Arbeit integrieren. So, daß Du am Ende nichts mehr weißt, aber Dich selber ganz genau kennst. Daß Du alles über Dich weißt. Das hört sich vielleicht anmaßend an, so starke Worte, aber deshalb sind Worte auch verräterisch, sie sind Betrüger. Ich möchte gerne kopf-leer sein, wenn Du verstehst, was ich meine. Vollständig leer. Wenn ich leer bin, dann bin ich transparent, und wenn ich transparent bin, dann bedeutet das, daß die Möglichkeiten, die es gibt, ihrerseits die Möglichkeiten erhalten, sich mit der Musik, die ich spiele zu verbinden, zu vereinigen. Es ist so schwer zu erklären.

Ich würde es ,das Ablegen von Konditionen', ein ,Aufbrechen von Mustern' nennen. So, daß man sich jeden Morgen neu überlegt, was man zum Frühstück essen will, oder?

Ganz genau, das ist es. Irgendwann wird es dann sehr einfach. Und wenn Du einen bestimmten Punkt erreicht hast, strengt es Dich überhaupt nicht mehr an. Es geschieht einfach mühelos. Das ist der Idealzustand. Aber auch der Kampf hat seine schönen Seiten, der Kampf ist wunderschön, er ist Schönheit. Der Kampf eines Mannes oder einer Frau mit ihren Unzulänglichkeiten, ihrem Unvermögen, ihrer Unfähigkeit. Diese Schlacht auf dieser Bühne, ...hier, wo alle Kräfte zusammenkommen, die ein menschliches Wesen auszeichnen.

Die Kräfte, ja, ...aber doch auch die Schwächen?

Natürlich. Nur der Heilige ist nicht schwach, nur der Erleuchtete ist nicht schwach, er steht jenseits von Schwäche oder Stärke, er steht sozusagen über den Dingen. Das ist das große Ideal. Aber das ist auch der Grund, warum Theater und Schauspielerei so wunderbar sind, weil wir auf der Bühne, dieser gewaltigen Bühne, auf dieser Spielfläche alle diese kosmischen Kräfte beobachten können.

John, zu einem anderen Thema. Meist spielst Du als Solist. Selbst wenn Du mit Deinem Trio unterwegs bist, seid ihr doch drei Solisten. Warum spielst Du nicht einmal wieder in einer richtigen Band?

Zunächst einmal kann ich Deiner Konzeption nicht zustimmen. Klar sind wir drei Solisten, aber wir müssen uns begleiten und das ist eine besondere Kunst. Jemanden über die Punkte hinaus zu begleiten, die er kennt, ist die Kunst. Und genau das machen wir. Wir unterstützen uns gegenseitig, um die Punkte zu erreichen, hinter denen das Unbekannte beginnt. Die Kunst des Begleitens ist in einem künstlerischem Sinn eine großartige Lektion, das menschliche Miteinander zu erlernen. Und diese Art der Begleitung ist etwas völlig anderes, als wenn drei Solisten zusammenspielen würden. Da gibt es einen Dialog oder einen Trialog. Es gibt eine sehr intime Kommunikation, fast wie bei einem Kammerorchester, einen sehr intimen Dialog. Es sind doch immer die gleichen Dinge, die in einer Gruppe geschehen. Stell Dir einmal vor, wir hätten fünf Stimmen oder nur drei Stimmen, mit denen wir ein Stück singen, das in einer ganz bestimmten Form begleitet werden muß. Mit einer dominierenden Melodie, mit Harmonien und mit Rhythmus. Alles zusammen formt das Ganze. Während nun das Stück läuft, gibt es einen Platz für jeden, etwas zu sagen. Nun nennst Du ihn einen Solisten, aber die Rolle der anderen zwei oder vier Musiker ist es, entweder, falls es zu voll wird, auszusteigen, und damit den Restlichen zu erlauben, den Solisten zu unterstützen, damit er etwas findet. Und auf diese Art und Weise findet ein ständiger Austausch, eine permanente Kommunikation statt. Ich spiele also in einer Band, in einer Jazzband. Ich sehe mich selber ja auch deshalb als Jazzmusiker.

Wenn Du heute die Möglichkeit hättest, eine Gruppe zusammenzustellen, wen würdest Du dazu einladen? Welche Namen fallen Dir spontan ein?

Keine, eigentlich keine. Weil..., wenn ich eine Gruppe formieren wollte, würde ich es einfach tun, morgen früh schon.

Aber ein paar Namen fallen Dir doch sicherlich ein?

Nein, weil ich kein Verlangen nach einer neuen Gruppe habe. Das wichtigste ist zur Zeit mein Trio mit Trilok Gurtu und Kai Eckhardt-Karpeh. Auf der anderen Seite kann ich natürlich einige Namen nennen von Leuten, die gerne mag. Chick Corea ist einer von ihnen. Ich hätte es auch wunderbar gefunden, noch mal mit Larry Young zu spielen. Aber er ist leider gestorben. Ich würde gern wieder mit Tony Williams spielen, aber da müßte ich elektrische Gitarre spielen. Tony ist sehr laut. Elvin Jones fällt mir ein, mit Paco De Lucia werde ich wieder auftreten. Hariprasad Chaurasia, Shivkumar Sharma, Amjad Ali Khan. Kennst Du ihn? Er ist ein großartiger Sarod-Spieler. Ich kann Dir so viele Namen nennen. Starville, der Perkussionist und viele, viele mehr. Wenn Du allerdings auf eine Art Supergruppe anspielst? Wie könnte ich Dir da eine Antwort geben? Ziehe du Dir meine Schuhe an, was würdest Du sagen? Du solltest die Gruppe zusammenstellen, Du bist dafür eigentlich viel qualifizierter als ich.

Da hätte ich schon Lust dazu. Ich wollte Dich aber genau nach einer Supergruppe fragen. Ehrlich gesagt, habe ich dabei an eine Re-Union des 'Mahavishnu Orchestra' gedacht.

Das habe ich versucht. Viele Jahre lang. Aber es gab da Probleme. Kennst Du die Probleme des ersten Mahavishnu Orchestra? Wir hatten viel zu schnell zu viel Erfolg. Und wenn ich mal so frech sein darf, das stieg einigen Leuten in den Kopf. Einer hat sich nie davon erholt. Jan Hammer. Es ist zu schade. Der Grund, warum ich das Mahavishnu Orchestra aufgelöst habe, ist, daß Jan Hammer und Jerry Goodman in den letzten 6 Monaten unserer Tournee kein einziges Wort mehr mit mir geredet haben. Kannst Du Dir das vorstellen? Nein, das ist so unglaublich lächerlich, einfach dumm. Und ich habe alles probiert, diese lächerliche Situation aufzubrechen. Als ich Jerry Goodman Jahre später getroffen habe, sagte er mir: Das war wohl die größte Dummheit, die ich je in meinem Leben gemacht habe. Jan Hammer ist noch immer nicht an diesem Punkt angelangt. 17 Jahre später grollt er noch immer gegen mich. Wegen einer Sache, von der ich nicht einmal weiß, was es überhaupt ist. Während die Jahre vergingen, habe ich mehrmals versucht, die Gruppe zu einem Benefiz-Konzert zusammen zu holen. Ohne Honorar, nur um zu zeigen, daß Musik höher zu bewerten ist als menschliche Gefühle. Ich habe gesagt: Kommt her, wir stehen über diesen Dingen. Aber nein, Jan Hammer, ...nein, mit ihm spiele ich nicht mehr. Entweder machst Du etwas Ganzes oder Du läßt es. Und so habe ich diesen Plan vor 5-6 Jahren endgültig aufgegeben. Aber versucht habe ich es. Kürzlich habe ich Narada Michael Walden getroffen. Er ist jetzt ein Produzent. Er sagte zu mir: Hey John, laß uns mal wieder auf Tournee gehen. Vielleicht wird eines Tages etwas daraus. Im Moment bin ich viel zu beschäftigt. Ich wüßte nicht, wann ich Zeit dafür finden würde. Ich weiß nicht einmal, wann ich Zeit finde, überhaupt über solche Pläne nachzudenken.

Du bist also mit Arbeit überhäuft?

In der einen oder anderen Weise. Wenn ich zuhause bin, dann habe ich zu schreiben und komponieren und bin ich auf Tournee, dann spiele ich das, was ich zuhause geschrieben habe.

Du arbeitest also sehr viel. Was dürfen wir denn in nächster Zukunft von Dir erwarten, was sind Deine Pläne?

Zunächst wird mein Concerto The Mediterranean auf Platte erscheinen. Und zwar mit dem London Symphonic Orchestra unter der Leitung von Michael Tilson Thomas. Er hat auch schon auf meiner Platte Apocalypse dirigiert. Dann werde ich weitere Stücke für Katia und mich schreiben. Im Oktober gehe ich mit der Deutschen Kammerphilharmonie auf Deutschland- und Europa-Tournee, und dabei spielen wir dann meine zweite klassische Komposition. Und ich werde mit meinem neuen Trio wieder auf Tournee gehen. In der Zwischenzeit möchte ich noch einige weitere Stücke schreiben. Zum einen neue Musik für mein Trio. Dann möchte ich ein Konzert für großes Kammerorchester mit Big-Band-Instrumenten schreiben, für Gitarre, Piano und Perkussion und noch ein echtes Concerto für zwei Klaviere und Orchester für Katia und Marielle Labeque. Und ich fange mit der ideellen Arbeit, wenn ich dieses so mißbrauchte Wort benutzen darf, mit der ideellen Arbeit zu einem Konzert für zwei Gitarren, für Paco De Lucia und mich an.

Also eine Menge Sachen, auf die wir uns freuen dürfen?

Das hoffe ich.